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Ein Haus voller Möglichkeiten

Mit viel Elan und Einfallsreichtum haben die Bühnen der Stadt Gera ihr Großes Haus saniert. Im Team mit dem Planungsbüro ADA und der SALZBRENNER STAGETEC MEDIAGROUP als gesamtausführendes Unternehmen entstand ein technisches Renommierstück

Es ist ein kalter, klarer Wintertag. Ortsbegehung in den Bühnen der Stadt Gera. Schon von außen sind die Sanierungsmaßnahmen des letzten Jahres deutlich erkennbar: Die Jugendstilfassade des historischen Gebäudes von 1902 erstrahlt frisch restauriert in neuem Glanz. An das Hauptportal schmiegt sich ein kleinerer, moderner Glasbau an. Während der Umbauarbeiten des alten Hauses beherbergte er das Provisorium, das als Veranstaltungsort diente. Heute wird das Glasfoyer als experimentelle Bühne und als Verwaltungstrakt genutzt, während die Hauptbühne wieder zurück in den Großen Saal und in den ebenfalls liebevoll restaurierten Konzertsaal des historischen Theaters gezogen ist.

Der große Saal

gera_7878Etwa 550 Sitzplätze bietet der Große Saal, dessen prächtige Stuck und Goldverzierungen bei der Renovierung erhalten blieben. Eine große Bühne mit eindrucksvoller Bühnenmaschinerie – unter anderem eine außerordentlich schnelle Drehbühne – und ein großer Orchestergraben lassen den Saal als universelle Spielstätte wie geschaffen für das Vierspartenhaus erscheinen. Nur einen entscheidenden Nachteil hat der Saal: Seine Nachhallzeit ist extrem kurz – was passend für ein Sprechtheater, aber inakzeptabel für musikalische Aufführungen ist. Um diesen Mangel zu beheben, bedurfte es 46 kleiner, unsichtbar in Wände und Decke eingelassener Zweiwege-Koaxial-Lautsprecherchassis und eines digitalen Systems zur Verlängerung der Nachhallzeit. Auf diese Weise gelang es, eine Schwäche zu einer Stärke umzuwandeln, denn heute können die Bühnen der Stadt Gera genau die passende Akustik für eine Darbietung wählen. Der Besucher merkt von alledem nichts.
Die kleinen Lautsprecher der Anlage lassen sich grundsätzlich nicht nur mit Nachhall, sondern auch mit Direktsignalen speisen. Schließlich erhalten sie ihre Audiosignale von einem umfassenden NEXUS-Audionetz, das neu im Haus installiert wurde. Damit kann die als Nachhallanlage geplante Lautsprecherinstallation auch für besondere Effekte genutzt werden, eine Option, die das einfallsreiche Haus sicher einmal bei einer experimentellen Inszenierung einsetzen wird.
Zusätzlich zu der Nachhallanlage wurde natürlich auch eine herkömmliche Beschallungsanlage installiert. Sie ist für den Saal recht üppig dimensioniert und ermöglicht auch die Beschallung von Rock- und Pop-Events.

Einspielung oder Beschallung?

Je nach Sparte und Genre der Aufführung wird auch die Tontechnik unterschiedlich eingesetzt. Bei einer klassischen Oper muss vielleicht im zweiten Akt ein Donner eingespielt werden – die Musiker, also das Orchester und die Sänger, brauchen jedoch keinerlei tontechnische Unterstützung. Anders bei neueren Kompositionen, extravaganten Inszenierungen oder Pop- und Rockmusik: Dort ist häufig der massive Einsatz von Beschallungstechnik gefragt. Ein Mehrspartenhaus ist folglich auf eine Einspielregie und auf ein Beschallungspult im Saal angewiesen.
In Gera hat man auf diese Anforderung kreativ reagiert: Wird eine Beschallung benötigt, lässt sich die Schiebewand der Einspielregie aufschieben, das rollbare AURUS wird aus der Regie in den hinteren Bereich des Saals gefahren und mit minimalem Umbauaufwand und
Sitzplatzverlusten kann mit der vorhandenen Einspieltechnik die Saalbeschallung gemischt werden. Um zusätzliche Kanäle im direkten Zugriff zu haben, lässt sich das AURUS um eine mobile Fadereinheit mit 16 Kanalzügen erweitern. So stehen 48 Kanalzüge und acht Layer für bis zu 96 Audiochannels zur Verfügung. Das ist genug, um selbst bei Großevents mit allen 32 Mikroports zuzüglich weiterer Mikrofone und externer Quellen noch komfortabel live mischen zu können.
Die Erweiterung des AURUS um die Fader-Einheit ist denkbar einfach. Im Maschinenraum muss lediglich die Glasfaserverbindung zur Fader-Einheit auf den zweiten Glasfaseranschluss der AURUS-RMC-Karte gesteckt werden. Diese ist wie das gesamte AURUS-Processing im NEXUS STAR untergebracht, das zentral im Maschinenraum installiert ist. Die Fader-Einheit selbst, die quasi nur als Fernbedienung des AURUS-Processings fungiert, benötigt dann nur noch einen Stromanschluss und die Glasfaserverbindung zum Maschinenraum, die über einen Wandanschluss im Großen Saal hergestellt wird.

Variabel und mobil

gera_7894Tatsächlich sind die verschiedenen Anschlüsse für Glasfaser eine sehr praktische und flexible Lösung. Das Haus ist sozusagen mit einer Glasfaserspinne verkabelt, an deren »Füßen« sich jeweils Boden- oder Wandauslässe befinden. An mehreren Stellen im Großen Saal, im separaten Konzertsaal, im Produktionsstudio und selbst im Foyer liegen Glasfaserzugriffe, die einen Anschluss an das zentrale NEXUS-Audionetz erlauben. Dank des Glasfasersteckfelds im Maschinenraum steht jede Faser wahlweise für eines der beiden mobilen NEXUS-Basisgeräte oder zum Anschluss eines mobilen AURUS zur Verfügung.
Neben dem AURUS im Großen Saal gehört noch ein kleineres AURUS mit 16 Fadern zum Equipment der Bühnen, das entweder im Produktionsstudio oder als mobile Einheit im ganzen Haus verwendet werden kann. Speziell für den mobilen Einsatz wurden das zweite AURUS und die Fader-Erweiterung jeweils auf einen Rollwagen mit Kippmechanismus montiert. Hochkant geklappt lassen sich die beiden Einheiten nun sogar im Personenaufzug transportieren und bequem in alle wichtigen Räume des Hauses fahren.

Intercom und Rufanlage

Ganz entscheidend für eine gelungene Vorstellung ist die Inspiziententechnik, über die der Inspizient im Hintergrund – für den Zuschauer unsichtbar – per Lichtzeichen, Durchsagen und Rufen den Ablauf der Vorstellung steuert. Zusätzlich benötigt ein modernes Theater eine Intercom-Anlage, die eine bi-direktionale Kommunikation erlaubt. Darüber hinaus ist aus rechtlichen Gründen noch eine Evakuierungsanlage vorgeschrieben, die häufig auch als Flächenbeschallung in den öffentlichen Bereichen, vor allem im Foyer, Verwendung findet.
In Gera ließen sich diese drei Funktionen mit lediglich zwei Anlagen realisieren, die eng miteinander verwoben sind und effektiv zusammenarbeiten. Die Inspiziententechnik basiert auf einer speziell dafür in ihrer Funktion erweiterten DELEC-Intercomtechnik. ORATIS-Sprechstellen dienen als Sprachinterface, sowohl für Rufe und Durchsagen des Inspizienten, als auch für echte Intercom-Kommunikation. Für letztere lassen sich noch zusätzliche, drahtlose Beltpacks in die Anlage integrieren, so dass letztendlich jeder Techniker auf der Hinterbühne oder sogar ein Schauspieler auf der Bühne erreichbar ist.
Zusammen mit den umfangreichen Logikfunktionen von ORATIS übernimmt die Intercom-Anlage außerdem die sehr komplexe Lichtzeichensteuerung. ORATIS fungiert also als Bedieninterface für den Inspizienten – ein Novum, das in Gera erstmalig in dieser Konsequenz Anwendung findet.
Zusätzlich wurde ein C.A.S. 300 installiert, das eine vollüberwachte Alarmierung gemäß EN 60849 sicherstellt, wobei auch hier Sprechstellen von DELEC als Sprachinterface dienen. Im normalen Betriebsfall, wenn also die Alarmierungsanlage lediglich die Hintergrundbeschallung in öffentlichen Bereichen übernimmt, werden die Audiosignale aus der DELEC-Intercom-Anlage ausgekoppelt und in das C.A.S. 300 eingespeist. Im Evakuierungsfall stehen der Feuerwehr eigene C.A.S.-300-Alarmierungssprechstellen zur Verfügung. Sie sind im Gegensatz zu den ORATIS-Sprechstellen mit in die gesetzlich geforderte Betriebsüberwachung eingebunden und bieten damit ein noch höheres Maß an Ausfallsicherheit.

Dezentrale Mediensteuerung

gera_8007_entzerrtDer Betrieb einer modernen Spielstätte bringt es mit sich, dass eine Vielzahl an elektronischen Geräten zum Einsatz kommt. Dies umfasst auch die Medientechnik, vom Hochleistungsprojektor inklusive großer RGBHX-Matrix über die Audiotechnik bis hin zum Video, das im Theater Gera reichlich dimensioniert ist. Allein das umfangreiche Schausystem verfügt über ein Videoverteilsystem mit einer Matrix von 80 Quellen auf 120 Senken. Dazu kommen noch zahlreiche SDI-Quellen, die während einer Vorführung als Zuspieler genutzt werden können. Ein Videosystem im Foyer, das Informationen oder auch die laufende Vorführung übertragen kann, ist ebenfalls vorhanden.
Je nachdem, welche Systemanwendung erforderlich ist – und davon gibt es in einem Mehrspartenhaus wie dem Theater Gera viele – wird eine andere Kombination von Medientechnik mit anderen Setups benötigt. Um die Bedienung und Steuerung möglichst einfach zu halten, erfolgte der Einbau einer so genannten MediaControl, einer Entwicklung der SALZBRENNER STAGETEC MEDIAGROUP. Über TCP-IP und ein ganz normales Netzwerk wurden dazu insgesamt fünf Bedien-PCs installiert, so dass der Inspizient, aber auch die Ton- und die Lichtregie jederzeit in die Mediensteuerung eingreifen können. MediaControl ist ein modulares System und wird für jedes angeschlossene Gerät mit einem passenden Interface ausgestattet. Das macht den Hardware-Aufbau einfach und bietet auch bei Neuanschaffungen genügend Flexibilität. Ein Novum der Mediensteuerung besteht darin so genannte Cue-Listen abzuarbeiten. In ihnen können mehrere Steuerkommandos gruppiert und gleichzeitig eingeleitet, sowie eine Abfolge einprogrammierter Vorgänge sequenziell abgefahren werden. Das ermöglicht es, über MediaControl tatsächlich alle Vorgänge im Haus zu steuern, bis hin zum Lichtmischer und bestimmten Bühnenmaschinen. Für den Inspizienten wird die MediaControl damit zu seinem zentralen Werkzeug.

Von jedem Rechner aus

Nicht nur für die Medientechnik, sondern für nahezu alle wichtigen Technikkomponenten in einem Theater gilt heute, dass sie computergestützt arbeiten. Das beginnt bei der Audiokreuzschiene NEXUS oder der Steuersoftware für die drahtlosen Mikrofone, hört aber auch bei den Audiozuspielern oder dem Content-Management-System für die Videoabspielung noch lange nicht auf. Für eine noch höhere Flexibilität und eine weiter vereinfachte Bedienung sind alle Bedienrechner im Haus an ein so genanntes CAT-Center angeschlossen, ein System, das Maus, Monitor und Keyboard eines jeden Rechners auf jedes der angeschlossenen Systeme schalten kann. Das System ist damit eine komfortable und hausweite KVM-Umschaltung, die über Netzwerk jeden Rechner im Netz erreicht. Der Toningenieur kann damit beispielsweise in der Regie über einen Bedienrechner sowohl NEXUS steuern als auch die Endverstärker überprüfen, die Mikroports einstellen oder das Video für das Foyer abfahren.

Viel Neues

gera_7829Gut drei Stunden hat unsere kompakte Führung durch die neue Technik des Hauses gedauert und draußen ist die Wintersonne inzwischen der Dunkelheit gewichen. Drei Stunden voller Detailinformationen undüberzeugender Ideen, und doch bleibt das Gefühl zurück, dass es in
dieser Installation noch viele weitere technische Besonderheiten zu erkunden gibt. Etwa die überarbeitete Akustik im Konzertsaal, der übrigens im Januar 2008 für eine Mischung aus DJ- und Orchesterkonzert genutzt wurde. Das Fazit eines lehrreichen Nachmittags: Die Bühnen der Stadt Gera sind sowohl aus technischer wie auch aus künstlerischer Sicht immer wieder eine Reise wert!

Glanzvoller Auftritt

Thüringen blickt auf ein traditionsreiches Theater- und Kulturleben zurück, in dem das ehemalige Hoftheater schon immer eine herausragende Rolle gespielt hat. Mit der denkmalgerechten Sanierung des Hauses und der Erneuerung seiner Bühnentechnik sind die Weichen Richtung Zukunft gestellt.
Und die sieht durchaus vielversprechend aus: Der Verbund »Theater und Philharmonie Thüringen« mit mehreren Spielstätten in Gera ist das letzte Mehrspartenhaus im Freistaat, das diesen Namen noch verdient. Das Angebot sucht seinesgleichen: Oper, Schauspiel, Musical und Operette, Puppentheater, aber auch experimen telle Produktionen, anspruchsvolle Tanzaufführungen oder Kinder- und Jugendtheater finden mit etwa 165.000 Zuschauern jährlich – Tendenz steigend – regen Besucherzuspruch. Beste Aussichten also, nachdem nun Technik und Akustik optimiert sind, für eine erfolgreiche Theaterzukunft.