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Resümee der Vorträge
vom
8. Fachseminar "Beschallung & Broadcast" 2003:
Den Auftaktvortrag hielt Wolfgang Köhnsen, der Präsident
des VDT und Cheftonmeister an der Hamburger Staatsoper. Mit seinem
Thema „Spezielle Beschallungsaufgaben im Opernbetrieb“ zeigte
er die Entwicklung der Beschallung in Opern auf und legte seinen Schwerpunkt
auf heutigen modernen Multimedia-Einsatz. Auch die Videozuspielung
und -projektion gehört heute zu den Aufgabenbereichen der Opern-Tonabteilung,
die ganz nach Rigolettos Graf Almaviva „Oh wie so trügerisch
...“ den Opernbesucher für die Zeit der Aufführung
in eine Scheinwelt entführen sollen.
Im Anschluss erläuterte Dr. Diemer de Vries von der TU Delft
die Wellenfeldsynthese als Beschallungssystem der Zukunft. Diese mit
einem Array von Lautsprechern realisierte Synthese eines Schallfeldes
bietet im Gegensatz zur Stereophonie nicht nur einen „Sweet Spot“,
sondern eine „Sweet Area“, die eine größere
Fläche wie z.B. einen Theatersaal beschallen kann. Richtungstreue
Beschallung auf allen Plätzen lässt sich damit umsetzen,
wenn auch mit noch recht hohem Aufwand. Die angeregte Diskussion nach
seinem Vortrag zeigte, dass die Wellenfeldsynthese in einigen Häusern
zukünftig eingesetzt werden wird.
Dr. David Griesinger von Lexicon, der extra für dieses Seminar
aus den USA angereist war, überraschte das Auditorium mit einem
simplen Test: Er spielte eine Aufnahme einer Opernaufführung mit
Video und Ton vor, wobei der Ton anfänglich sehr gut und präsent
klang, aber gegen Ende der Aufnahme immer diffuser und akustisch schlechter
wurde. Damit zeigte Griesinger die Unterschiede zwischen der idealen
Sitzposition und der hinteren Reihe im Opernhaus auf. Seine These:
Das Gehirn stellt sich einmal auf einen Raum ein und bleibt anschließend
bei seinem Urteil. So kam es auch, dass niemand im Auditorium die Klangverschlechterung
in der Aufnahme bemerkte! Im Folgenden demonstrierte Griesinger verschiedene
Raumakustiken berühmter Opernhäuser, stellte die Unterschiede
gegenüber und zeigte, dass die vom Gehör als ideal bewertete
Akustik kaum mit einem real existierenden Raum zu erreichen ist. Sein
Kredo: Eine gezielte Unterstützung mit elektroakustischen Maßnahmen
lässt den Raum für jeden Anwendungsfall ideal klingen.
Einen ganz anderen Anwendungsfall stellte Volker Löwer vom IFB
vor: die Beschallung und Akustik in Multifunktionsstadien. Am Beispiel
der Arena „Auf Schalke“ zeigte er die Probleme und Anforderungen
einer Mehrzweckarena auf, die von Sportveranstaltungen mit guter und
lauter Evakuierungsanlage bis hin zu Popkonzerten mit mitreißender
Beschallung reichen. Ein Dach, das halb geöffnet werden kann,
ein herausfahrbarer Rasen mit schwer abschätzbarer Schallabsorption,
sowie riesige Dimensionen mit großen Schall-Laufzeiten lassen
sich akustisch nur mit einer sehr dezentral angelegten Beschallungsanlage
mit vielen einzelnen Kreisen in den Griff bekommen.
Ebenfalls mit großen Dimensionen hat Prof. Wolfgang Fritz von
der Wiener Staatsoper zu kämpfen, wenn er alljährlich die
Beschallung der Bregenzer Festspiele vornimmt. „Uns fehlt der
durchsichtige Lautsprecher, den wir dort installieren können,
wo er hingehört,“ ist nur einer seiner Seitenhiebe auf die
Industrie und die praxisfremde Wissenschaft gewesen. Um eine richtungsgetreue
Beschallung an der großen Open-Air-Spielstätte zu ermöglichen,
müssten Lautsprecher vom Himmel abgehängt, im Wasser versenkt
oder unsichtbar auf der Bühne montiert sein. Auch dann gäbe
es wegen der großen Distanzen auf den hinteren Sitzplätzen
immer noch das Problem, dass die erste Wellenfront zu leise wäre.
Auch Wellenfeldsynthese schließt er wegen der Größenverhältnisse
aus, was zu einer angeregten Diskussion der Referenten untereinander
führte!
Sowohl in der Beschallung, als auch im Rundfunk sind drahtlose Mikrofone
nicht mehr wegzudenken. Deshalb hielt Peter Arasin von Sennheiser seinen
Vortrag über die Zukunft der Funkmikrofone in beiden Seminaren.
Mit Einführung von digitalen Funkmikrofonen könnten sich
neue Funktionen wie ein höherer Bedienkomfort mit automatischer
Frequenzband-Suche, intelligenter Ladetechnik und Fernbedienbarkeit über
einen PC in die Praxis umsetzen lassen. Allerdings steht den digitalen
Funkmikrofonen derzeit noch ein hoher technischer Aufwand und ein hoher
Bandbreitenbedarf gegenüber. Eine Ablösung der analogen Technik
ist daher zunächst nicht zu erwarten, vielmehr ein Miteinander
von analogen und digitalen Systemen.
Auch Albrecht Krieger von der Staatsoper Unter den Linden trug seinen
Vortrag auf beiden Seminaren vor, allerdings mit unterschiedlichem
Fokus. „Open-Air-Veranstaltungen mit klassischer Musik“ war
sein Thema, dass er mit vielen Beispielen aus der Berliner Waldbühne
untermauerte. Im ersten Seminar zeigte er vor allem die Tricks und
Möglichkeiten der Open-Air-Beschallung auf, die er seit Jahren
in der Waldbühne mit einer richtungsgetreuen Beschallungsanlage
vornimmt. Die Open-Air-Umgebung fordert mit unterschiedlichen Randbedingungen
wie Wind und Feuchtigkeit heraus, die die hohen Anforderungen für
Konzerte und szenische Darstellungen noch verschärfen. Im zweiten
Durchgang legte Krieger den Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit von
Beschallung und Sendeton, denn nur eine gute und rückwirkungsfreie
Beschallung kann einen klaren Sendeton ermöglichen.
Dr. Günther Theile vom IRT stellte in seinem Vortrag „Surround-Sound
auf neuen Wegen“ zukünftige Alternativen der Surround Sound
Wiedergabe vor. Moderne Raumsyntheseverfahren erlauben die Darstellung
virtueller Lautsprecher und Abhörräume. Dies geschieht im
Prinzip entweder mit Hilfe der Wellenfeld Synthese (WFS) oder der binauralen
Raum Synthese (BRS). In beiden Fällen werden die stereofonen Signale
mit entsprechenden gemessenen oder modellierten Impulsantworten gefaltet,
jedoch unterscheiden sich die Verfahren in der Wiedergabetechnik. Im
Gegensatz zur WFS werden bei BRS nicht Lautsprechersignale für
die Synthese eines Schallfeldes generiert, sondern binaurale Signale
für Kopfhörerwiedergabe, abhängig von der momentanen
Kopfdrehung des Hörers. Ein Vergleich der Vor- und Nachteile beider
Verfahren zeigt, dass hohe Wiedergabequalität mit BRS relativ
leicht erreichbar ist, das andererseits aber die freie Beweglichkeit
im Schallfeld einen hohen Stellenwert hat, insbesondere bei Beschallung
von mehreren Hörern. Weitere Infos unter www.hauptmikrofon.de.
Bei Spielfilmen im Fernsehen ist Mehrkanalton schon fast zur Selbstverständlichkeit
geworden. Martin Wöhr vom BR und Jürgen Marchlewitz vom WDR
zeigten einen Weg auf, wie sich Mehrkanalton auch im Radio übertragen
lässt. Mit vergleichsweise wenigen Zusatzkosten starteten sie
zur IFA 2003 eine Testsendung, bei der Mehrkanalton-Aufnahmen in Dolby
Digital AC-3-codiert über DVB-S gesendet wurden. Die Wahl der
Codierung hatte dabei eher pragmatische Gründe, da AC-3 die höchste
Verbreitung in den heimischen Empfängern hat. Die Akzeptanz der
Hörer war sehr gut und auch das Interesse aus Fachkreisen hoch.
Trotz einiger technischer Schwierigkeiten, die vor allem in der mangelnden
Kompatibilität der Empfänger liegen, werden BR und WDR die
Testreihe mit Mehrkanalton-Sendungen fortführen - der BR im Simulcast-Betrieb
und der WDR mit einem eigenständigen Angebot. Wöhr und Marchlewitz
nutzten die guten Abhörbedingungen mit einer Surround-Beschallungsanlage
von MEG, um in den Abendstunden eine Aufnahme ihrer Mehrkanalton-Testsendung
vorzuführen und zu diskutieren.
Den Blick über den Tellerrand der Audiotechnik ermöglichte
Frank Fell-Bosenbeck vom ZDF mit seinem Vortrag über die Zukunft
von HDTV. Mit der Digitalisierung der Übertragungswege wird HDTV
kostengünstig übertragbar und rückt damit von der einstigen
Vision zur Realität. Und zur Notwendigkeit, denn mit den immer
beliebter werdenden Plasmabildschirmen werden die Artefakte von herkömmlichem
MPEG stark sichtbar. Neben der Übertragungstechnik und der guten
Wiedergabetechnik stehen in Kürze auch leistungsfähige Speicher
für die HDTV-Produktion zur Verfügung. Sie reichen von optischen
Speichern wie der Blu-ray Disc und OPD bis hin zu Festspeichern wie
der SD Memory Card. Beide Systeme bieten zukünftig eine geschlossene
Produktionskette, die auch eine unnötige Kaskadierung der Datenkompression
vermeidet.
Die Möglichkeiten heutiger Produktionstechnik zeigte Roland Fischer
von TSR anhand der Produktion der Eröffnungsfeier der Expo.02
auf. Diese Eröffnung, die gleichzeitig an vier Standorten vorgenommen
wurde, wurde parallel auf vier Sendern in der Schweiz gezeigt. Nur
zu einigen wenigen Zeitpunkten sendeten alle vier Kanäle dasselbe
gemischte Endprogramm der Hauptregie. Die übrigen Teile wurden
von den verschiedenen Standorten Neuenburg, Yverdon, Murten und Biel
getrennt auf den Kanälen SFDRS, TSI-1, TSR-1 und TSR-2 ausgestrahlt.
Damit wurde dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben, sich selbst
den Standort zu wählen, den er sehen wollte. Ein Hauptaspekt bei
der Produktion lag in der richtigen Synchronisation von Ton und Bild
einerseits und von den vier Standorten untereinander. Besonders anspruchsvoll
waren dabei die musikalischen Einlagen, die mit vier parallel spielenden
Orchestern oder mit räumlich getrennten Bands choreografiert waren.
Ermöglicht wurde diese Großproduktion nur durch den Einsatz
digitaler Technik und Glasfaserzuleitungen zwischen den einzelnen Produktionsstandorten.
Ein weiteres Thema aus der Praxis schnitt Florian Camerer vom ORF
an. Als erster Sender übertrug der ORF schon das Neujahrskonzert
2003 aus dem Wiener Musikverein in 5.0-Surround-Sound und entschied
sich auch längerfristig zur Surround-Sound-Übertragung. Das
Neujahrskonzert wurde live übertragen und stellte damit zusätzliche
Anforderungen an die Produktion. Parallel mussten in vier Regien 2.0
für den herkömmlichen Fernsehton, 5.0 für den TV-Surround-Ton,
2.0 für Radio und 2.0 für den CD-Mitschnitt produziert werden.
Neben dem Neujahrskonzert werden inzwischen vom ORF alle wichtigen
Produktionen wie z.B. die Salzburger Festspiele, eine Arktis-Dokumentation
oder große Sportübertragungen in Mehrkanalton produziert
und für die herkömmliche 2.0-Stereophonie eine Downmix-Automation
verwendet. Camerer schloss seinen Vortrag mit mehreren Beispielen aus
dem Neujahrskonzert und den Salzburger Festspielen ab.
Lautheit ist nicht dasselbe wie Lautstärke - diese simple Wahrheit
ist im Rundfunk und Fernsehen im Laufe der Jahre abhanden gekommen.
Sei es innerhalb eines Programmes oder beim Zappen: Die Loudness im
TV-Sound kann und sollte homogener gestaltet werden. Diesem Thema widmeten
sich Jean-Paul Moerman von VRT und Ralph Kessler vom Ingenieurbüro
Pinguin, indem sie viele Beispiele, neue Messmöglichkeiten und
pragmatische Auswege aus dem Problem der Loudness-Sprünge vorstellten. Überwiegend
durch hausinterne Schulungen und Veränderungen des Aussteuer-Verhaltens
konnte der belgische Sender VRT die Anzahl der Zuschauerbeschwerden
dramatisch drücken! Ein interessantes Ergebnis ihrer Untersuchung:
Das Loudness-Problem war zum Zeitpunkt der Pinguin-Untersuchung bei öffentlich-rechtlichen
Sendern größer als beim Privatfernsehen und selbst innerhalb
eines Werbeblocks oder auch innerhalb einer Sendung kommt es zu starken
Loudness-Differenzen. Der Vortrag zeigte einmal mehr, dass dringend
ein Lautheitsmessgerätestandard für den Rundfunk benötigt
wird. Eine herstellerunabhängige Arbeitsgruppe der ITU/AES beschäftigt
sich derzeit mit dem Thema. Hörtests zum Thema Lautheit finden
Sie im Internet unter www.masterpinguin.de.
Den Abschluss des Seminars bildete der Vortrag von Gerhard Stoll,
in dem er die verschiedenen Audioformate von MP3 Pro bis DTS vorstellte.
In dem Bereich der Audio-Codecs waren in den letzten Jahren noch viele
Entwicklungssprünge festzustellen. Nach wie vor gibt es keinen
universellen Codec, der alle Aufgaben gleichermaßen gut erfüllt.
Es gibt inzwischen hybride Codierverfahren, die aus einer Kombination
von Wellenform und parametrischem Codec bestehen, wie z.B. aacPlus
oder mp3pro, und bei extrem niedrigen Bitraten, z.B. 48 kbit/s eine
recht gute Qualität liefern. Diese Codecs sind jedoch kaum skalierbar,
d.h. eine Erhöhung der Datenrate lässt die Qualität
nicht perfekt werden. Zudem zeigen neue Codierverfahren eine starke
Anfälligkeit bezüglich einer Mehrfachkodierung. Ein anderes
Codec wiederum, der aktuelle Quicktime Music Codec, eignet sich ausgezeichnet
für Musik, brachte aber bei Sprache sehr schlechte Ergebnisse.
Vergleichende Tests zeigten, dass die Datenrate alleine nicht mehr
als Messlatte für Qualität herangezogen werden kann, denn
ein Mehrkanalton-Signal in AAC mit 160 kbs lag in etwa in der gleichen
Qualitätsstufe mit Dolby und DTS mit jeweils 384 kbs und 448 kbs.
Genaue Vergleiche mit Hörbeispielen bietet das IRT übrigens
auf seiner Webseite an. Nachdem 2003 beim europäischen Rundfunk
im Rahmen von DVB eine starke Zunahme an Mehrkanalsendungen zu verzeichnen
war, stellte sich doch deutlich heraus, dass bei den Implementierungen,
besonders auf der Seite der Empfänger, von der Industrie noch
viel Arbeit zu leisten ist, um perfekte Synchronität zwischen
Bild und Mehrkanalton, ungestörten Empfang und einfaches Einstellen
des Mehrkanaltons auf der Settop Box zu ermöglichen. |