2008

|
Innovationstheater - Ein Opernhaus, viele Weltstars und ein Übertragungswagen
Eine der angesehensten Spielstätten Russlands ist das Mariinskij-Theater
im Stadtzentrum von St. Petersburg, dessen Geschichte sich bis auf das Jahr 1860
zurückverfolgen lässt. Doch jetzt
hält die Moderne Einzug: mit dem Erweiterungsbau eines Stararchitekten und
einem hauseigenen Ü-Wagen mit exzellent ausgestatteter
Tonregie
Ungezählte Opern- und Ballett-Uraufführungen hat das
ehrwürdige
Haus in seiner langjährigen Tradition schon gesehen und auch in der
jüngsten Vergangenheit mit hochklassigen Solisten wie Anna Netrebko
oder Olga Borodina auf sich aufmerksam gemacht. Nun sollen ein Umbau
des Hauses und ein benachbarter Neubau dazu beitragen, mit einer
zweiten Hauptbühne die seit langem beengte Raumsituation zu
entspannen und die musikalische Qualität langfristig zu sichern. Bis
dahin allerdings bleibt die Bühne des Mariinskij-Theaters geschlossen
und das Ensemble tourt mit seinen Inszenierungen durch andere Spielstätten.
Aus dieser Situation heraus entwickelte Waleri Gergijew, der für seine
unkonventionellen Ideen bekannte Intendant des State Academic
Mariinskij-Theaters, einen bisher einzigartigen Plan: die Spielstätte
mit einem Übertragungswagen auszurüsten, der die auswärtigen Aufführungen
aufzeichnet und eine anschließende DVD-Produktion ermöglicht.
Optional könnte die Produktion sogar live nach St. Petersburg
gesendet und dort über Großbildschirme dem heimischen Publikum
vorgeführt werden.

Erst der Ton ...
Bei der Planung des Mariinskij-Ü-Wagens lag der Fokus eindeutig auf
bester Tonqualität, während das Bild – obwohl in HD geplant – an
Wichtigkeit in den Hintergrund trat. Zu erkennen ist dies bereits an der
außerordentlich großen Tonregie, der größten, die der
Systemintegrator
Sony Professional Services UK je in einen Ü-Wagen eingebaut hat.
Sie beansprucht etwa ein Drittel des Platzes in dem großen Ü-Wagen;
die beiden anderen Drittel sind jeweils mit Bildregie und Bildtechnik
belegt.
Die Audio- und Mischtechnik kommt aus dem Hause STAGETEC,
schließlich wollte man sich an den besten Studiostandards orientieren.
Das 48-Fader-AURUS ließ sich in der großen Tonregie längs zur
Fahrtrichtung
installieren. Dank der beidseitigen Auszüge entsteht in der
dann nahezu fünf Meter tiefen Tonregie genug Raum, um die 5.1-Lautsprecher
ideal in der großzügig bemessenen Regie unterzubringen
und eine optimale Abhörposition zu ermöglichen. Das audioseitig
vollbestückte AURUS bietet dank seiner sieben DSP-Karten die nötige
hohe Anzahl an Kanälen, um eine gute Surroundaufnahme produzieren
und mischen zu können.
Live und ohne Ausfall
Da der Schwerpunkt so eindeutig auf dem Ton liegt, maß man bei der
technischen Planung einer hohen Audio-Betriebssicherheit großen
Wert bei. Das mit 376 auf 280 Schaltpunkten recht umfangreiche
NEXUS-Audionetz wurde mit voller Leitungsredundanz ausgeführt. In
jedem Basisgerät stecken dafür zwei Glasfaserkarten, so dass nicht
nur der Ausfall eines Glasfaserkabels, sondern auch der Ausfall einer
XFOC-Steckkarte durch Redundanz abgesichert ist. Diese Vorgabe
war besonders für die beiden mobilen Basisgeräte wichtig, wurde
aber auch für die fünf Einheiten übernommen, die fest im Wagen
installiert sind.
Auch von Seiten der Aufnahme war das Thema Sicherheit eine entscheidende
Planungsgrundlage. Neben dem Hauptaufnahmesystem
Pyramix ist zusätzlich ein Nuendo-System für Sicherheitskopien installiert.
Insgesamt stehen damit zweimal 128 Aufnahmespuren und
pro System je zwei Terabyte mit RAID Level 5 abgesicherter Speicherkapazität
zur Verfügung. Falls das eines Tages nicht mehr ausreichen
sollte, ermöglichen vier zusätzliche MADI-Leitungen das Einbinden
weiterer externer Aufnahmegeräte in NEXUS.
Pyramix wird inzwischen von vielen AURUS-Nutzern eingesetzt. Entsprechend
routiniert ließ sich auch die Fernsteuerung des Aufnahmesystems über
AURUS realisieren. Von der einfachen Laufwerkssteuerung
bis hin zur Spurscharfschaltung im Aufnahmebetrieb sind alle
wichtigen Funktionen vom Mischpult aus steuerbar. Insgesamt sind
bei diesem AURUS vier der 16 möglichen Fernsteuereinheiten in Verwendung.
Die große Auswahl verschiedener Protokolle erlaubt es dabei,
neben den Workstations auch Videomaschinen steuern zu können.

... und dann das Bild
Im Gegensatz zur Tonregie, deren Gerätegestelle fast vollständig gefüllt
und deren Komponenten größtenteils bis zur maximalen Ausbaustufe
erweitert wurden, sind in Bildregie und Bildtechnik noch viele
Ausbauten möglich. Der Wagen ist mit 16 HD- und 2 Minikameras bestückt,
aber bereits für den Betrieb von 26 Kameras vorverkabelt. Die
Bildverkabelung erfolgt über HD-SDI, das über einen nVision-Router
geschaltet wird. Selbstverständlich steht auch die bei TV-Ü-Wagen übliche
Audio-follows-Video-Möglichkeit zur Verfügung, so dass
NEXUS
dem Bild folgend automatisch die Tonspuren einer Quelle umschalten
kann. Diese Integration ging denkbar einfach vonstatten: Es musste
lediglich die serielle Verbindung zwischen NEXUS und dem Videorouter
aktiviert werden und schon funktionierte die Slave-Schaltung.
Oper oder TV?
Ein mit einem Übertragungswagen ausgestattetes Opernhaus dürfte
weltweit ein Novum sein. Man darf gespannt auf die ersten Erfahrungen
mit dem tonlastigen Theater-HD-Wagen sein, der erst vor
kurzem, im Dezember 2007, nach St. Petersburg geliefert wurde.
Der Gedanke, der diesem Projekt zugrunde liegt, ist aber durchaus
ausbaufähig und legt nahe, dass sich nach der Einweihung der renovierten
Mariinskij-Bühne auch eine langfristige Perspektive für eine
bessere Plattform der russischen Oper im Fernsehen abzeichnet.
Eine Bewährungsprobe ganz anderer Art hat der Ü-Wagen schon bestanden:
Sein erster Großeinsatz fand im Februar 2008 im Rahmen
der Vergabe des renommierten Laureus Sports Awards statt, dessen
Feierlichkeiten aus St. Petersburg in 83 Länder übertragen wurden.
Das goldene Wagnis
Ein Kern aus schwarzem Granit, überwölbt von einer riesigen, wabenartigen
Hülle aus goldgetöntem Glas – mit diesem avantgardistischen
Entwurf gewann der nicht unumstrittene, französische Stararchitekt
Dominique Perrault im Jahr 2003 den internationalen Wettbewerb für
einen Erweiterungsbau des traditionsreichen Mariinskij-Theaters in
St. Petersburg.
Der 100 Millionen US-Dollar teure Anbau wird sich nun – mit dem Altbau über
eine Brücke verbunden – jenseits des Krykow-Kanals ausdehnen.
Klein dimensioniert ist hier nichts: Foyers, Restaurants und
Galerien lagern sich unter dem goldenen Kokon um den Kernbau, der
Platz für einen Konzertsaal mit 2000 Plätzen, für fünf Nebenbühnen,
Orchester-, Chor- und Ballettprobesäle bietet. 2009 soll das architektonisch
wagemutige neue Theater fertig gestellt sein und nach dem
Willen der Stadtverwaltung zum Symbol der modernen und westlichen
Ausrichtung der Millionenstadt an der Newa werden. |