05/2007

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Im Dienste der Musik
Berliner Philharmonie mit eindrucksvoller AURUS-Installation
Jedem Berliner mit Sinn für Kultur dürfte die Adresse „Herbert-von-Karajan-Straße
1“ im Bezirk Tiergarten ein Begriff sein – gehört
die Philharmonie doch zu den besten Konzertsälen der Welt. Zudem beheimatet
sie die ebenso angesehenen Berliner Philharmoniker,
die schon von Dirigenten-Legenden wie Furtwängler, Karajan, Abbado oder Simon
Rattle geleitet wurden. Hier darf auch in der
Technik nur mitspielen, wer zur Oberliga gehört. Wie zum Beispiel das AURUS
im neu aufgebauten Studio 3
Das prominente Haus verfügt über mehrere Tonregien, von denen das
erst 1992 in Betrieb genommene Studio 3 heute die wichtigste Rolle
spielt. Hier werden die Konzerte der Berliner Philharmoniker und viele
weitere Veranstaltungen im großen Saal mitgeschnitten. Neben direkt
gemischten Stereoaufnahmen wird dort auch in Mehrspurtechnik
gearbeitet, um beispielsweise später Surround-Mischungen anfertigen
zu können. Darüber hinaus steht die Regie auch für mehrtägige
CD-Produktionen
des Orchesters sowie als Mietstudio für Rundfunk und
Tonträger-Industrie zur Verfügung.
Umbau mit Zeitnot
Für das Jahr 2006 stand nach fast 15 Jahren Betriebszeit eine umfassende
Erneuerung des Studios auf dem Plan, wobei auch eine moderne
digitale Lösung das in die Jahre gekommene Analogmischpult
ersetzen sollte. Angesichts des klangvollen Namens dieses Hauses
und des Orchesters waren die Qualitätsansprüche an den Raum dementsprechend
hoch. Angefangen von der neu gestalteten Akustik bis
hin zur Geräteausstattung war daher erklärtes Ziel, sich am heutigen
Stand der Technik zu orientieren und ein repräsentatives Studio mit
optimalen Arbeitsbedingungen zu schaffen – auch im Hinblick auf hier
tätige Gastproduzenten.
Um das Projekt gelingen zu lassen, mussten in nur zwei Monaten, der
Spielpause des Sommers 2006, der gesamte Studio-Umbau, die Installation
der neuen digitalen Audio- und Medientechnik sowie die Einarbeitung
der Mitarbeiter bewältigt werden. Für Ende August standen
bereits wieder die ersten Konzertmitschnitte auf dem Plan!

Analog denken
Um ein geeignetes Mischpult wählen zu können, gab es intern eine Art
Pflichtenheft, das die Bedienoberfläche, die Einbindung in die Studioumgebung
der Philharmonie und die im Haus typische Arbeitsweise
umfasste. AURUS entsprach schließlich unter anderem deshalb am besten diesem
Anforderungsprofil, weil seine Oberfläche sehr von der
analogen Arbeitsweise inspiriert ist und den Anwender nicht zum völligen
Umdenken zwingt. Der Leiter der Tonabteilung der Berliner Philharmonie,
Klaus-Peter Gross, merkt dazu an: „Uns gefällt besonders
die hohe Zahl berührungsempfindlicher Bedienelemente in den Kanalzügen,
die viele Einstellungen direkt im Kanal erlauben. AURUS hat
damit die Bedienkonzepte aufgegriffen, die sich in vielen Jahren der
analogen Arbeitsweise entwickelt und bewährt haben.“
Ein weiteres Entscheidungskriterium war die flexible Integration des
NEXUS in das existierende Kabelnetz. Ebenso bedeutsam war die
Möglichkeit, deutlich komfortabler als bisher in Surround produzieren
zu können; ein Feld, auf dem sich die Berliner Philharmoniker bereits
seit langem mit verschiedenen SACD-Veröffentlichungen engagieren.
Die komfortablen Snapshot-Funktionen im AURUS erweisen sich
eben falls als äußerst hilfreich, denn in der Philharmonie werden oft
mehrere Produktionen zeitlich versetzt gefahren. Während ein Team
die laufende Konzertreihe betreut, arbeitet ein anderes an den Vorbereitungen
für die nächste.
Schritt für Schritt
Bei der technischen Umsetzung entschied man sich für einen stufenweisen Übergang
von analog zu digital, bei dem das recht komplexe
analoge Audionetzwerk des Hauses zunächst erhalten bleibt. Bewährte
Workflow-Konzepte sollten auf der digitalen Ebene beibehalten und die
vorhandene technische Infrastruktur weiter genutzt werden können.
Dies ist auch im Hinblick auf die häufigen Gastproduktionen in diesem
Studio von Bedeutung. Aus diesem Grund wurde ein autarker digitaler
Studiokomplex geschaffen, der ein großes, bereits vorhandenes Lemo-Steckfeld
als Schnittstelle zum komplexen analogen Leitungsnetz des
Hauses nutzt. Hier liegen die mehr als 50 Mikrofonwinden des großen
Saals auf, aber auch Ausspielwege sowie Leitungen zu den übrigen
Studios, ins Foyer und zum benachbarten Kammermusiksaal.
Perfekt integriert
Die einzelnen Komponenten der digitalen Installation sind den speziellen
Kundenanforderungen entsprechend auf zwei Stockwerke verteilt.
Das mit 56 Fadern üppig bestückte AURUS in Studio 3 kommuniziert
via Glasfaser mit dem NEXUS STAR. Dieser STAR-Router beherbergt
einerseits die AURUS-Karten und stellt gleichzeitig den Sternpunkt des
digitalen Audionetzes dar. Hier befindet sich auch ein NEXUS Basisgerät
mit 48 Mikrofoneingängen auf sechs XMIC+-Steckkarten, deren Eingänge
vom Lemo-Steckfeld aus gespeist werden.
Zwei weitere Basisgeräte stehen unmittelbar im Studio 3, eines zur Anbindung
der existierenden Peripheriegeräte und ein weiteres für die
sechs Backup-Mehrspurrecorder. Primäres Aufzeichnungsmedium ist
ein Sequoia-System, das via MADI unmittelbar mit dem NEXUS STAR
verbunden ist, ebenso wie eine weitere DAW gleichen Typs im Studio1,
die unter anderem für die Nachbearbeitung von Aufnahmen genutzt
wird. Zwei weitere MADI-Ports stehen im STAR-Router zur Verfügung,
beispielsweise für Rundfunkanstalten, die ihre Aufzeichnungssysteme
dort unmittelbar anschließen können.
Zwei hochauflösende Großdisplays oberhalb der Konsole stehen für
unterschiedlichste Aufgaben bereit, beispielsweise zur gleichzeitigen
Darstellung aller 48 Recording-Busse mit Hilfe des neuen Multichannel-Meterings im
NEXUS. So wird auf einen Blick ersichtlich, was tatsächlich
aufgezeichnet wird. Weitere Nutzungsmöglichkeiten sind die
größere Darstellung der Sequoia-Oberfläche sowie verschiedene Videoquellen
aus dem Saal, die über eine ins Pult integrierte Mediensteuerung
auf der Basis von AURUS-Logikfunktionen umgeschaltet werden.

Jeder darf pegeln
Die Philharmonie benötigte einen unabhängig vom Pult arbeitenden
Mikrofon-Split, damit beispielsweise die Benutzer eines anderen Studios
mit den Saalleitungen und Mikrofonverstärkern unabhängig vom
Studio 3 arbeiten können. Man hätte diese Aufgabe natürlich mit einem
autarken Mikrofonsplitter lösen können, hat aber statt dessen die
elegante und deutlich kostengünstigere Splitfunktion der neuen Mikrofonkarte
XMIC+ eingesetzt. Diese verfügt serienmäßig über vier frei
pegelbare Digitalausgänge pro Eingang. Einer der Ausgänge ist jeweils
für die Nutzung am AURUS reserviert. Ein zweiter Ausgang kann individuell
eingesetzt werden, zum Beispiel für Beschallungen, in einem der
anderen Studios oder zur Weiterleitung der Mikrofonsignale an einen
angeschlossenen Ü-Wagen.
Im Zusammenhang mit dieser Thematik ergab sich allerdings noch eine
weitere Aufgabenstellung: Während ein Splitausgang die Möglichkeit verschiedener
Pegeleinstellungen für die unterschiedlichen Ausgänge
bieten kann, ist eine solche Varianz bei der Aufschaltung einer Phantomspeisung
nicht möglich. Entweder die Speisung liegt an, oder eben
nicht.
Am AURUS hat man die Möglichkeit, individuell Einfluss auf den Status
der Phantomspeisung zu nehmen, indem man die Mikrofonkarten über
AURUS fernbedient. Doch was passiert, wenn man am AURUS die
Phantomspeisung eines Mikrofonkanals ausstellt und dann das Mischpult
abschaltet? Ein externer Nutzer, der einfach nur die Leitungen des
Hauses übernimmt, hätte nun keine Möglichkeit, die Speisung wieder
einzustellen.
Einen eleganten Lösungsweg zeigte eine neue Funktion in der NEXUS
XCI-Karte auf: Die neXus-Communication-Interface-Karte XCI ist seit
neuem mit einer SD-Speicherkarte ausgestattet, auf der man zum Beispiel
verschiedene, vorher vom Anwender definierte NEXUS-Statusinformationen
ablegen kann. Der so gespeicherte Status lässt sich
nicht ohne weiteres überschreiben, ist also wirklich gegen Fehlbedienung
im stressigen Alltag gesichert.
Automatisch Phantom-Ein
In der Installation der Berliner Philharmonie sind zwei Statuszustände
definiert: für die Situation mit AURUS als Mischpult (Eigenproduktion)
im Studio 3 und für den Einsatz mit externem Pult (Fremdproduktion)
in einem der anderen Studios. Schaltet man AURUS aus, so wird automatisch
der Status für Fremdproduktionen geladen, bei dem die Phantomspeisungen
der NEXUS Mikrofonkarten alle eingeschaltet sind.
Sobald AURUS hochfährt, veranlasst die XCI-Karte eine Umschaltung
auf den Status für Eigenproduktionen mit dem im Projekt gespeicherten
Phantomspeisungsstatus. Grundsätzlich war eine solche Funktionalität
auch mit der XCI-Vorläuferkarte möglich, wozu allerdings ein
externer Steuerrechner vonnöten war. Die neue Lösung bringt viele
Vorteile mit sich, denn im Gegensatz zu einem externen Rechner ist
die Speicherkarte in der XCI auch in die NEXUS-eigene Fehlerüberprüfung
eingebunden und bietet damit eine höhere Betriebssicherheit.
Außerdem kann sie nicht aus Versehen ausgeschaltet werden – eines
der Hauptprobleme bei der Lösung mit externem PC.
Groß und breit
In Kombination mit einem analogen Leitungsnetz präsentiert sich die
Installation in der Berliner Philharmonie als eher untypisch. Viele gute
Gründe sprachen jedoch für diese Übergangslösung und NEXUS und
AURUS erlaubten eine optimale Integration in das gewachsene Milieu.
Dies fiel umso leichter, als die MEDIAGROUP nicht nur Lieferant der
Digitaltechnik, sondern auch gesamtausführendes Systemhaus war
und somit technisch wie auch organisatorisch für den Umbau Verantwortung
trug.
Noch ein Merkmal dieser Installation fällt aus dem Rahmen. Man sieht
es sofort, wenn man die Tonregie betritt: es ist die Größe des AURUS‚
nicht nur im Hinblick auf seine Bearbeitungsmöglichkeiten, sondern
auch rein physikalisch. Sieben Faderkassetten mit je acht Faderzügen
auf einer Breite von 2,73 m – das ist das größte AURUS, das mit
zwei
Füßen in einer Standardausführung erhältlich ist. Auch hier
spielt die
Philharmonie Berlin also standesgemäß in der obersten Liga mit!

Neues Saalkonzept
Die Berliner Philharmonie wurde zwischen 1960 und 1963 vom deutschen
Architekten Hans Scharoun erbaut, der als einer der bedeutendsten
Vertreter der organischen Architektur gilt. Anfangs war der
Saal nicht unumstritten, weil er im Gegensatz zu vielen Häusern jener
Zeit weitgehend auf schmückendes Beiwerk verzichtete. Dafür bietet er
harmonische Linien und Schwünge, die förmlich Musikalität ausstrahlen– und ein ebenso neues wie gelungenes Konzept für
den Konzertsaal. Scharouns Idee bestand nämlich darin, Publikum und
Orchester nicht frontal einander gegenüberzustellen, sondern die Ränge
mit den insgesamt 2.300 Sitzplätzen terrassenförmig und unregelmäßig
um das zentrale Podium herum anzuordnen. Inspiriert von
einem Kreis, den Menschen intuitiv bilden, wenn sie einem Musiker im
Freien zuhören, hat der Zuschauer neben dem Bühnengeschehen immer
auch andere Zuschauer im Blickfeld.
Akustisch hat die Berliner Philharmonie ebenfalls viel zu bieten, was
nicht nur Musiker, Dirigenten und Zuhörer, sondern auch die dort arbeitenden
Tonmeister bis heute sehr zu schätzen wissen. Klaus-Peter
Gross, Leiter der Tonabteilung: „Wenn wir es mit einem ausgeglichenen
Klangkörper zu tun haben, dann gelingen in diesem Saal schon mit
zwei richtig positionierten Kugeln fantastische Aufnahmen, die nur
noch marginal gestützt werden müssen.“
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