(2007)

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Berliner Philharmonie mit eindrucksvoller AURUS-Installation
Jedem Berliner mit Sinn für Kultur dürfte die Adresse „Herbert-von-Karajan-Straße
1“ im Bezirk Tiergarten ein Begriff sein – gehört die Philharmonie
doch zu den besten Konzertsälen der Welt. Zudem beheimatet sie die ebenso angesehenen
Berliner Philharmoniker, die schon von Dirigenten-Legenden wie Furtwängler,
Karajan, Abbado oder Simon Rattle geleitet wurden. Hier darf auch in der Technik
nur mitspielen, wer zur Oberliga gehört. Wie zum Beispiel das AURUS
im neu aufgebauten Studio 3
Das prominente Haus verfügt über mehrere Tonregien, von denen das erst
1992 in Betrieb genommene Studio 3 heute die wichtigste Rolle spielt. Hier werden
die Konzerte der Berliner Philharmoniker und viele weitere Veranstaltungen im großen
Saal mitgeschnitten. Neben direkt gemischten Stereoaufnahmen wird dort auch in Mehrspurtechnik
gearbeitet, um beispielsweise später Surround-Mischungen anfertigen zu können.
Darüber hinaus steht die Regie auch für mehrtägige CD-Produktionen
des Orchesters sowie als Mietstudio für Rundfunk und Tonträger-Industrie
zur Verfügung.
Umbau mit Zeitnot
Für das Jahr 2006 stand nach fast 15 Jahren Betriebszeit eine umfassende Erneuerung
des Studios auf dem Plan, wobei auch eine moderne digitale Lösung das in die
Jahre gekommene Analogmischpult ersetzen sollte. Angesichts des klangvollen Namens
dieses Hauses und des Orchesters waren die Qualitätsansprüche an den Raum
dementsprechend hoch. Angefangen von der neu gestalteten Akustik bis hin zur Geräteausstattung
war daher erklärtes Ziel, sich am heutigen Stand der Technik zu orientieren
und ein repräsentatives Studio mit optimalen Arbeitsbedingungen zu schaffen – auch
im Hinblick auf hier tätige Gastproduzenten.
Um das Projekt gelingen zu lassen, mussten in nur zwei Monaten, der Spielpause des
Sommers 2006, der gesamte Studio-Umbau, die Installation der neuen digitalen Audio-
und Medientechnik sowie die Einarbeitung der Mitarbeiter bewältigt werden. Für
Ende August standen bereits wieder die ersten Konzertmitschnitte auf dem Plan!

Analog denken
Um ein geeignetes Mischpult wählen zu können, gab es intern eine Art Pflichtenheft,
das die Bedienoberfläche, die Einbindung in die Studioumgebung der Philharmonie
und die im Haus typische Arbeitsweise umfasste. AURUS entsprach schließlich
unter anderem deshalb am besten diesem Anforderungsprofil, weil seine Oberfläche
sehr von der analogen Arbeitsweise inspiriert ist und den Anwender nicht zum völligen
Umdenken zwingt. Der Leiter der Tonabteilung der Berliner Philharmonie, Klaus-Peter
Gross, merkt dazu an: „Uns gefällt besonders die hohe Zahl berührungsempfindlicher
Bedienelemente in den Kanalzügen, die viele Einstellungen direkt im Kanal erlauben.
AURUS hat damit die Bedienkonzepte aufgegriffen, die sich in vielen Jahren der analogen
Arbeitsweise entwickelt und bewährt haben.“
Ein weiteres Entscheidungskriterium war die flexible Integration des NEXUS in das
existierende Kabelnetz. Ebenso bedeutsam war die Möglichkeit, deutlich komfortabler
als bisher in Surround produzieren zu können; ein Feld, auf dem sich die Berliner
Philharmoniker bereits seit langem mit verschiedenen SACD-Veröffentlichungen
engagieren. Die komfortablen Snapshot-Funktionen im AURUS erweisen sich eben falls
als äußerst hilfreich, denn in der Philharmonie werden oft mehrere Produktionen
zeitlich versetzt gefahren. Während ein Team die laufende Konzertreihe betreut,
arbeitet ein anderes an den Vorbereitungen für die nächste.
Schritt für Schritt
Bei der technischen Umsetzung entschied man sich für einen stufenweisen Übergang
von analog zu digital, bei dem das recht komplexe analoge Audionetzwerk des Hauses
zunächst erhalten bleibt. Bewährte Workflow-Konzepte sollten auf der digitalen
Ebene beibehalten und die vorhandene technische Infrastruktur weiter genutzt werden
können.
Dies ist auch im Hinblick auf die häufigen Gastproduktionen in diesem Studio
von Bedeutung. Aus diesem Grund wurde ein autarker digitaler Studiokomplex geschaffen,
der ein großes, bereits vorhandenes Lemo-Steckfeld als Schnittstelle zum komplexen
analogen Leitungsnetz des Hauses nutzt. Hier liegen die mehr als 50 Mikrofonwinden
des großen Saals auf, aber auch Ausspielwege sowie Leitungen zu den übrigen
Studios, ins Foyer und zum benachbarten Kammermusiksaal.
Perfekt integriert
Die einzelnen Komponenten der digitalen Installation sind den speziellen Kundenanforderungen
entsprechend auf zwei Stockwerke verteilt. Das mit 56 Fadern üppig bestückte
AURUS in Studio 3 kommuniziert via Glasfaser mit dem NEXUS STAR. Dieser STAR-Router
beherbergt einerseits die AURUS-Karten und stellt gleichzeitig den Sternpunkt des
digitalen Audionetzes dar. Hier befindet sich auch ein NEXUS Basisgerät mit
48 Mikrofoneingängen auf sechs XMIC+-Steckkarten, deren Eingänge vom Lemo-Steckfeld
aus gespeist werden.
Zwei weitere Basisgeräte stehen unmittelbar im Studio 3, eines zur Anbindung
der existierenden Peripheriegeräte und ein weiteres für die sechs Backup-Mehrspurrecorder.
Primäres Aufzeichnungsmedium ist ein Sequoia-System, das via MADI unmittelbar
mit dem NEXUS STAR verbunden ist, ebenso wie eine weitere DAW gleichen Typs im Studio1,
die unter anderem für die Nachbearbeitung von Aufnahmen genutzt wird. Zwei weitere
MADI-Ports stehen im STAR-Router zur Verfügung, beispielsweise für Rundfunkanstalten,
die ihre Aufzeichnungssysteme dort unmittelbar anschließen können.
Zwei hochauflösende Großdisplays oberhalb der Konsole stehen für
unterschiedlichste Aufgaben bereit, beispielsweise zur gleichzeitigen Darstellung
aller 48 Recording-Busse mit Hilfe des neuen Multichannel-Meterings im NEXUS. So
wird auf einen Blick ersichtlich, was tatsächlich aufgezeichnet wird. Weitere
Nutzungsmöglichkeiten sind die größere Darstellung der Sequoia-Oberfläche
sowie verschiedene Videoquellen aus dem Saal, die über eine ins Pult integrierte
Mediensteuerung auf der Basis von AURUS-Logikfunktionen umgeschaltet werden.

Jeder darf pegeln
Die Philharmonie benötigte einen unabhängig vom Pult arbeitenden Mikrofon-Split,
damit beispielsweise die Benutzer eines anderen Studios mit den Saalleitungen und
Mikrofonverstärkern unabhängig vom Studio 3 arbeiten können. Man hätte
diese Aufgabe natürlich mit einem autarken Mikrofonsplitter lösen können,
hat aber statt dessen die elegante und deutlich kostengünstigere Splitfunktion
der neuen Mikrofonkarte XMIC+ eingesetzt. Diese verfügt serienmäßig über
vier frei pegelbare Digitalausgänge pro Eingang. Einer der Ausgänge ist
jeweils für die Nutzung am AURUS reserviert. Ein zweiter Ausgang kann individuell
eingesetzt werden, zum Beispiel für Beschallungen, in einem der anderen Studios
oder zur Weiterleitung der Mikrofonsignale an einen angeschlossenen Ü-Wagen.
Im Zusammenhang mit dieser Thematik ergab sich allerdings noch eine weitere Aufgabenstellung:
Während ein Splitausgang die Möglichkeit verschiedener Pegeleinstellungen
für die unterschiedlichen Ausgänge bieten kann, ist eine solche Varianz
bei der Aufschaltung einer Phantomspeisung nicht möglich. Entweder die Speisung
liegt an, oder eben nicht.
Am AURUS hat man die Möglichkeit, individuell Einfluss auf den Status der Phantomspeisung
zu nehmen, indem man die Mikrofonkarten über AURUS fernbedient. Doch was passiert,
wenn man am AURUS die Phantomspeisung eines Mikrofonkanals ausstellt und dann das
Mischpult abschaltet? Ein externer Nutzer, der einfach nur die Leitungen des Hauses übernimmt,
hätte nun keine Möglichkeit, die Speisung wieder einzustellen.
Einen eleganten Lösungsweg zeigte eine neue Funktion in der NEXUS XCI-Karte
auf: Die neXus-Communication-Interface-Karte XCI ist seit neuem mit einer SD-Speicherkarte
ausgestattet, auf der man zum Beispiel verschiedene, vorher vom Anwender definierte
NEXUS-Statusinformationen ablegen kann. Der so gespeicherte Status lässt sich
nicht ohne weiteres überschreiben, ist also wirklich gegen Fehlbedienung im
stressigen Alltag gesichert.
Automatisch Phantom-Ein
In der Installation der Berliner Philharmonie sind zwei Statuszustände definiert:
für die Situation mit AURUS als Mischpult (Eigenproduktion) im Studio 3 und
für den Einsatz mit externem Pult (Fremdproduktion) in einem der anderen Studios.
Schaltet man AURUS aus, so wird automatisch der Status für Fremdproduktionen
geladen, bei dem die Phantomspeisungen der NEXUS Mikrofonkarten alle eingeschaltet
sind.
Sobald AURUS hochfährt, veranlasst die XCI-Karte eine Umschaltung auf den Status
für Eigenproduktionen mit dem im Projekt gespeicherten Phantomspeisungsstatus.
Grundsätzlich war eine solche Funktionalität auch mit der XCI-Vorläuferkarte
möglich, wozu allerdings ein externer Steuerrechner vonnöten war. Die neue
Lösung bringt viele Vorteile mit sich, denn im Gegensatz zu einem externen Rechner
ist die Speicherkarte in der XCI auch in die NEXUS-eigene Fehlerüberprüfung
eingebunden und bietet damit eine höhere Betriebssicherheit. Außerdem
kann sie nicht aus Versehen ausgeschaltet werden – eines der Hauptprobleme
bei der Lösung mit externem PC.
Groß und breit
In Kombination mit einem analogen Leitungsnetz präsentiert sich die Installation
in der Berliner Philharmonie als eher untypisch. Viele gute Gründe sprachen
jedoch für diese Übergangslösung und NEXUS und AURUS erlaubten eine
optimale Integration in das gewachsene Milieu. Dies fiel umso leichter, als die MEDIAGROUP
nicht nur Lieferant der Digitaltechnik, sondern auch gesamtausführendes Systemhaus
war und somit technisch wie auch organisatorisch für den Umbau Verantwortung
trug.
Noch ein Merkmal dieser Installation fällt aus dem Rahmen. Man sieht es sofort,
wenn man die Tonregie betritt: es ist die Größe des AURUS‚
nicht nur im Hinblick auf seine Bearbeitungsmöglichkeiten, sondern auch rein
physikalisch. Sieben Faderkassetten mit je acht Faderzügen auf einer Breite
von 2,73 m – das ist das größte AURUS, das mit zwei Füßen
in einer Standardausführung erhältlich ist. Auch hier spielt die Philharmonie
Berlin also standesgemäß in der obersten Liga mit!

Neues Saalkonzept
Die Berliner Philharmonie wurde zwischen 1960 und 1963 vom deutschen Architekten
Hans Scharoun erbaut, der als einer der bedeutendsten Vertreter der organischen Architektur
gilt. Anfangs war der Saal nicht unumstritten, weil er im Gegensatz zu vielen Häusern
jener Zeit weitgehend auf schmückendes Beiwerk verzichtete. Dafür bietet
er harmonische Linien und Schwünge, die förmlich Musikalität ausstrahlen– und
ein ebenso neues wie gelungenes Konzept für den Konzertsaal. Scharouns Idee
bestand nämlich darin, Publikum und Orchester nicht frontal einander gegenüberzustellen,
sondern die Ränge mit den insgesamt 2.300 Sitzplätzen terrassenförmig
und unregelmäßig um das zentrale Podium herum anzuordnen. Inspiriert von
einem Kreis, den Menschen intuitiv bilden, wenn sie einem Musiker im Freien zuhören,
hat der Zuschauer neben dem Bühnengeschehen immer auch andere Zuschauer im Blickfeld.
Akustisch hat die Berliner Philharmonie ebenfalls viel zu bieten, was nicht nur Musiker,
Dirigenten und Zuhörer, sondern auch die dort arbeitenden Tonmeister bis heute
sehr zu schätzen wissen. Klaus-Peter Gross, Leiter der Tonabteilung: „Wenn
wir es mit einem ausgeglichenen Klangkörper zu tun haben, dann gelingen in diesem
Saal schon mit
zwei richtig positionierten Kugeln fantastische Aufnahmen, die nur noch marginal
gestützt werden müssen.“ |