(2007)

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In weiten Teilen der Pro-Audio-Branche ist Beschallung eine weniger
gut angesehene Tätigkeit. Natürlich ist es wesentlich
komfortabler, mit einem für die TV-Mischung fertig installierten Ü-Wagen
vorzufahren, als im Vorfeld Boxen zu schleppen und
Technik zu installieren. Dass Beschallung aber inhaltlich, technisch und kreativ
ein spannendes Aufgabenfeld sein kann, zeigt
dieser Blick auf eine professionelle Beschallung während
einer TV-Showaufzeichnung
Wie beschallt man eine TV-Show richtig? Eine einfache Frage, die viele
Antworten zulässt. Die Beschallungsexperten der SALZBRENNER
STAGETEC MEDIAGROUP haben dafür eine ganz eigene Lösung gefunden,
seit sie 2003 die Beschallung der Karnevalsshow »Schwaben
Weiß-Blau« des BR übernommen haben. Die Lösung setzt zunächst
einmal bei der Planung der Beschallungsanlage an. Für die Produktion
der aktuellen Show 2007 in der Stadthalle Memmingen bildeten 14
unter der Hallendecke montierte Lautsprecher mit sieben einzeln anzusteuernden Kreisen
die dezentrale Beschallungsanlage. Diese Lautsprecher gaben die Mischung aller drahtlosen
Mikrofone der einzelnen Künstler und des karnevalistischen Elferrats wieder.
Dadurch konnte der Gesamtpegel niedrig, die Sprachverständlichkeit aber aufgrund
der kurzen Distanzen zum Zuschauer gleichzeitig hoch gehalten werden.
Die hohe Anzahl von Kreisen dieser dezentralen Beschallung bot auch
einen Vorteil, wenn die Darsteller von der Bühne in den Saal gingen:
Derjenige Lautsprecherkreis, in dem die Gefahr einer Rückkopplung
bestand, konnte gezielt heruntergepegelt werden, ohne die Sprachverständlichkeit
und Lautstärke im restlichen Saal zu beeinträchtigen.
Eine zweite Beschallungsanlage, ganz klassisch direkt am Bühnenrand
montiert, diente der Wiedergabe der Live-Band. Auf diese Weise war
das Richtungshören der Band nicht gestört, denn die Musik kam mit
Direktanteil der Instrumente und mit den verstärkten Anteilen immer
aus Richtung der Bühne. Darüber hinaus bietet das zweiteilige Konzept
neben qualitativen Vorteilen zusätzlich eine hohe Ausfallsicherheit.

In Gruppen
Sieben Kreise plus eine Frontalbeschallung – das muss natürlich auch
vom Mischpult aus bedienbar gemischt werden können. Dank AURUS
kein Problem, komfortables Handling inbegriffen. Für die Memminger
Produktion konfigurierten die beiden MEDIAGROUP-Toningenieure das
transportable AURUS-Pult so, dass 16 Gruppenbusse zur Verfügung
standen. Die Busse dienten zunächst ganz klassisch der Vormischung von Instrumentengruppen.
Ein Beispiel: Die Bläser der Band bildeten
eine Gruppe, die man über einen einzigen Fader regeln konnte. Diese
Subgruppen sowie die noch nicht darin gemischten Einzelmikrofone
wurden dann auf die Gruppen der Lautsprecherkreise geroutet. Diese
Möglichkeit des Re-Routings eines Gruppenausgangs auf eine weitere
Gruppe ist übrigens in der Welt der Mischtechnik alles andere als
selbstverständlich! Für das umfassend konfigurierbare AURUS stellt
dies allerdings keine Schwierigkeit dar.
Welcher Bus passt?
Statt der Gruppen hätten sich natürlich auch Summen als Ausgänge
für die Lautsprecherkreise geeignet. Im AURUS liegt der Unterschied
dieser beiden Busschienen in der Möglichkeit der Bearbeitung: Eine
Gruppe bietet ein umfassendes Signalprocessing von Filterung und EQ über Dynamik
bis hin zur Verzögerung, während
ein Summenbus weniger DSP-Leistung verbraucht, dafür aber keine Bearbeitung
mehr zur Verfügung stellt. Da die Lautsprecherkreise noch individuell gefiltert
und verzögert werden sollten, fiel bei der Konfiguration des AURUS-Projekts
die Wahl auf Gruppenbusse statt auf Summen.
Bei analogen Mischpulten verwendet man häufig die AUX-Wege, um
verschiedene Lautsprecherkreise anzufahren. Eine Option, die mit
AURUS ebenfalls gewählt werden könnte. Der Gebrauch von Gruppen
mit frei auf der Mischpultoberfläche verteilbaren Faderkanälen machte
die Bedienung allerdings deutlich komfortabler und übersichtlicher.
Gut vorbereitet
Bei Shows dieser Größenordnung wird vorab immer eine längere Probenzeit
eingeplant. In diesem Fall standen zwei Aufbautage und zwei
Probentage zur Verfügung. Zeit genug, um im NEXUS-AURUS-Verbund
jedes Bandmikrofon, jedes der 24 drahtlosen Mikrofone und jede andere
Quelle genau zu benennen. Der Name erschien dann sowohl in
einer Anzeige im Kanalzug als auch beim Routen in NEXUS und vereinfachte damit die
Probenarbeit. Außerdem programmierte das Toningenieur-Duo während der
Proben für jeden Programmpunkt der
Show einen eigenen Snapshot, ein Verfahren, das sonst beispielsweise
im AURUS-Einsatz am Theater üblich ist. Dank der neuen Snapshot-
Editiermöglichkeiten ist diese Programmierung im Livebetrieb während
der Proben ein recht geringer Mehraufwand, der die anschließende
Vorstellung wesentlich vereinfacht. Insgesamt 20 solcher Snapshots
lagen am Ende der Probenzeit im AURUS vor.
Damit erklärt sich auch, wieso man mit einem AURUS mit wesentlich
kleinerer Bedienoberfläche als bei einem üblichen Mischpult auskommen
und zusätzlich zur besseren Übersichtlichkeit auch Platz im Saal
einsparen kann. In Memmingen nutzte das Beschallungsteam eine
Konsole mit 32 Fadern, über die die etwa 60 Signale mit Hilfe der
Layer und Snapshots komfortabel gemischt wurden. Dazu lagen auf
dem obersten der acht Layer immer nur die gerade benötigten Signale
auf, während alle anderen Signale in unteren Layern versteckt waren.
Mit jedem Snapshot wurde der oberste Layer gewechselt.
Live ist anders
Die Band, die – wie bei Karnevalssitzungen üblich – ständig
kleine Einlagen
spielt, lag statisch immer auf den gleichen Fadern im direkten
Zugriff. Das vereinfachte ein schnelles Eingreifen in die Musikmischung.
Ganz anders wurden die drahtlosen Mikrofone der wechselnden Büttenredner
und Solisten gehandhabt. Lediglich die gerade aktiven Akteure
der Szene lagen mit ihren Mikrofonen immer direkt in Reichweite,
auf dem obersten Layer des Mischpults.
Grundvoraussetzung für diese Herangehensweise ist die relativ neue
Isolate-Funktion. In Memmingen trat wie so oft bei Live-Mischungen
das Phänomen auf, dass einige der Musiker in den Vorstellungen deutlich
lauter als in den Proben spielten. Ihre Pegel wurden am AURUS
heruntergeregelt – und wären beim Laden des Snapshots der folgenden
Szene mit den veralteten Probenwerten überschrieben worden.
Mit der Isolate-Funktion löste AURUS die entsprechenden Signale
quasi aus dem Snapshot heraus, so dass die neuen Einstellungen auch
nach dem Laden eines Snapshots noch vorhanden waren.
Ohne Multicore
Die Beschallung war nur eines der vielen Gewerke während der Show.
Unmittelbar neben dem Beschallungspult wurde das aufwändige
Showlicht abgemischt. Probleme mit Brummen und Störeinstreuungen
konnten trotzdem nicht entstehen, denn das für die Showbeschallung
installierte NEXUS-Audionetz war konsequent mit einstreu-resistentem
Glasfaser verkabelt. Ein zweiadriges, stabiles Glasfaserkabel verband
das als Stagebox installierte Bühnen-NEXUS mit dem Basisgerät am
Mischpultplatz. Klassisches Kupferkabel kam lediglich noch auf der
Bühne und als Zuleitung für die Lautsprecher zum Einsatz.
Es wäre sogar möglich gewesen, auf die traditionellen Mikrofonsplitter
zu verzichten, denn der Ü-Wagen des BR arbeitete ebenfalls mit NEXUS
sowie mit einem CANTUS-Mischpult. Es hätte also gereicht, lediglich
MADI-Leitungen vom Bühnen-NEXUS zur Beschallung oder zum Ü-Wagen zu geben.
Eine weitere Möglichkeit: Man hätte die Splitfunktion
der neuen Mikrofoneingangskarte XMIC+ nutzen können. Da diese jedoch
noch nicht in den Stage-NEXUS installiert waren, wählten die
Toningenieure bei dieser Produktion die altbewährte Herangehensweise:
Die Crew vom Ü-Wagen stellte zusätzlich zum Beschallungs-NEXUS ein eigenes
Bühnen-NEXUS auf und fuhr beide Systeme über
einen externen Splitter parallel mit allen Mikrofonen an.
Im Saal und zu Hause
Im Saal der Memminger Stadthalle fanden während der Show etwa
400 Zuschauer Platz. Ein deutlich größeres Publikum konnte die Show
jedoch im Fernsehen verfolgen. Allein diese quantitativen Überlegungen
machen deutlich, dass eine gute Beschallung bei TV-Aufzeichnung in
erster Linie einen guten TV-Ton ermöglichen muss. Niedrige Pegel, unverfälschte
Klangwiedergabe und eine absolute Rückkopplungsfreiheit
der Beschallung sind Grundvoraussetzungen für den guten Fernsehton
und waren auch bei dieser Produktion der Anlass für die aufwändige
Saalbeschallung. Eine Aufgabe für Profis und ein ideales Einsatzgebiet
für AURUS und NEXUS.
Mit einem flexiblen Bus-Routing wie im AURUS können auch außergewöhnliche
Aufgaben
gelöst werden. Bei der Mischpultkonfiguration wird nicht nur die Zuordnung
der Eingangskanäle
auf die Fader-Kanäle des Mischpults vorgenommen. Vielmehr können auch Gruppenbusse
auf einen Fader-Kanal gelegt und damit mit allen Bearbeitungsmöglichkeiten wie
Filter,
EQ, Verzögerung und Dynamiksektion versehen werden. Zusätzlich lassen sich
Gruppen auch
wieder auf Gruppen routen, so dass man wie zum Beispiel bei der Memminger Karnevals-TV-Show
völlig auf Summen verzichten kann. Für diese Produktion wurde lediglich
eine Summe
zum Abhören definiert, während alle anderen Summierungen von den Gruppenbussen
vorgenommen wurden. |