von Claudio Masci, aus PRODUCTION
PARTNER 9/2000

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Die Tonübertragung zur Fernsehaufführung von La Traviata
in Paris
In Deutschland weitgehend
unbeachtet, fand Anfang Juni in Paris ein Opernspektakel der besonderen
Art statt: Giuseppe Verdis Oper » La Traviata«, gespielt
an Originalschauplätzen zu Originalzeiten und live übertragen
im Fernsehen. Eine neue Sendeform mit ganz speziellen technischen und
künstlerischen Anforderungen, die zu einem Blick hinter die (Original-)
Kulissen einladen. Die Übertragung wurde live an 125 Rundfunkanstalten
in aller Welt übertragen, von Argentinien bis Zypern, von Finnland
bis Neuseeland. Nach Erhebungen der RAI haben 1,5 Mrd. Menschen die
Veranstaltung gesehen.
2.Akt erste Szene: Ein altes Gemäuer
in Versailles ist historisch der zweite Spielort der Oper. Nichts
deutet hier auf eine aufwendige Live-Übertragung hin.
Eine Oper live an real existierenden Schauplätzen spielen und
ins Fernsehen übertragen – das erinnert mehr an einen Live-Spielfilm
denn an eine Aufführung klassischer Musik. Diese außergewöhnliche
Form der Opernpräsentation hatte schon eine Vorgängerveranstaltung,
nämlich die Aufführung der »Toska« in Rom vor
2. Akt zweite Szene: Le Petit Palais in Paris
ist der dritte Originalspielort der Verdi-Oper
etwa acht Jahren, die in dem Opern-begeisterten Italien ein großer
Erfolg wurde. Daran anknüpfend, realisierten der Produzent Andrea
Andermann und die Radio Televizione Italiana RAI mit »La Traviata« in
Paris eine nochmals komplexere Veranstaltung dieses neuen Genres.
Originalschauplätze mit zentralem Orchester
La Traviata fußt auf dem Roman »Die Kameliendame« von
Alexandre Dumas, der auf einer wahren Begebenheit in Paris des 19.
Jahrhunderts beruhen soll. Die Musikforschung ist sicher, die vier
Originalorte des Geschehens ausfindig gemacht zu haben: ein Palais
im Zentrum von Paris (heute Sitz der italienischen Botschaft), ein
kleines Anwesen am Rande des Schlossparks von Versailles, Le Petit
Palais im Zentrum und ein kleines, tristes Zimmer am Ufer der Seine
nahe Notre Dame. An diesen Orten fand auch die Liveproduktion der
Oper statt, und zwar ausschließlich mit echten, vorhandenen
Hintergründen. Lediglich zum Verstecken der Technik wurden kleine,
künstliche Kulissen erbaut, die jedoch nicht im Mittelpunkt
des Geschehens standen.
Das Technik-Camp in Versailles mit Ü-Wagen
und Containerstudio
Zusätzlich zu den vier Originalspielorten benötigte man
einen Orchestersaal, denn das Orchester sollte als einziger Klangkörper
fest von einem Ort aus die Musik zuspielen. Man wählte einen
Saal in der Pariser Avenue de Wagram, in dem das 60-köpfige
Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI unter der Leitung von Zubin
Mehta spielte.
Nicht nur die Schauplätze an sich, sondern auch die Uhrzeiten
sollten sich an der Originalvorlage orientieren, damit die Stimmung
korrekt eingefangen werden konnte. Eine Mittagsszene wurde also auch
mittags gespielt und gesendet, eine Abendszene dementsprechend abends.
Dadurch verteilten sich die drei Akte der Oper auf vier Sendungen,
die am Samstagabend sowie am Sonntag zu Mittag, am Abend und 30 Minuten
vor Mitternacht stattfanden.
Das provisorische CANTUS-Studio zur Abmischung
des Orchesters in der Avenue de Wagram
Synchron von fünf Orten
Neben einer hochkarätigen künstlerischen Besetzung war
diese Veranstaltung auch in der technischen Realisierung eine Herausforderung.
Galt es doch, die fünf Spielstätten in Paris und Umgebung
miteinander so zu verbinden, dass die Solisten vor Ort das Orchester
in der Avenue de Wagram hörten und umgekehrt. Das ist normalerweise
kein Problem in unserer Telekommunikationsgesellschaft; wir haben
Satelliten- und andere Telekommunikationsverbindungen, die es erlauben,
jeden beliebigen Fleck auf der Welt zu erreichen. Aber das ist immer
mit Zeitverzögerungen verbunden, die für ein synchrones
Zusammenspiel zwischen Orchester und Solisten in einer Live-Situation
nicht tragbar sind.
Vier Original-Spielorte in Paris und Umgebung
sowie ein Orchester- Aufnahmesaal mussten technisch miteinander
vernetzt und synchronisiert werden
Ü
bertragungsleitungen oder Lichtwellenleiter-
Verbindungen konnten nicht bereitgestellt werden. Andererseits bestand natürlich
der Anspruch an höchste Audioqualität, denn schließlich sollte
es neben der Live-Übertragung im Fernsehen auch noch eine Veröffentlichung
als CD-Album und DVD geben. So entschloss sich die RAI, fünf dezentrale
digitale Studios aufzubauen, vier davon als Containerstudios, die per Richtfunk
miteinander vernetzt waren. Diese Richtfunkverbindung stellte die France Telecom.
Komplexe Technik
Der Innenhof des Petit Palais wurde für die Live-Opernaufführung
mit Mikrofonen und Lautsprechern gespickt
So wurden die vier Teile einerseits digital produziert und für die
CD- und DVD-Produktion 96-spurig aufgezeichnet (2 x 48-spurig DASH Studer
D 820 MCH), andererseits per Richtfunk zur Sendezentrale geleitet und dort
zur fertigen Sendung gemischt. Wegen der hohen Qualitätsansprüche
und der großen Komplexität der Aufgabe kam für die Produktion
nur Digitaltechnik in Frage. Alle fünf Spielorte waren mit digitalen
NEXUS-Routingsystemen von Stage Tec ausgestattet. Dank ihrer hochauflösenden
Mikrofon-Eingangsbaugruppen (28 Bit) erlaubten sie, alle Nuancen des Geschehens
aufzunehmen und auch unerwartete Dynamiksprünge sicher zu verarbeiten.
Dazu waren an jedem der vier Spielorte in der Nähe der Opernsänger
NEXUS-Basisgeräte mit den Mikrofon-Eingangsbaugruppen versteckt. Per
Glasfaser-Übertragung leitete man die Signale in die – aus optischen
und akustischen Gründen – bis zu einige hundert Meter entfernten
Containerstudios, in denen Mischung und Aufzeichnung stattfanden.
Hinter Büschen versteckt verteilt eine NEXUS-Basiseinheit
die Mikrofonsignale und führt der Beschallung den synchronen Orchesterton
zu
Auf die gleiche Weise gelangte das Orchesterprogramm zu den zahlreichen Lautsprechern,
die die Wege der Solisten säumten. Weitere NEXUS-Basiseinheiten waren
als Signalverteiler in den Containerstudios sowie als Programmzuführung
zu den auf Kränen installierten Richtfunkstrecken eingesetzt; ein insgesamt
sehr komplexes Netzwerk aus glasfaserverbundenen, einzelnen Einheiten.
Musikalischer Wordclock
Da das ganze eine Fernsehveranstaltung war, durften auch weder Mikrofone
noch Lautsprecher sichtbar sein, was den Aufwand zusätzlich in die Höhe
trieb. Die Hauptdarsteller trugen Kleinstmikrofone (Drahtlosmikrofone von
Sennheiser) in ihren Haaren, in jedem Kronleuchter, hinter jeder Skulptur
der Einrichtung lauerte ein Mikrofon. Beim Spaziergang im Garten in Versailles
beispielsweise waren entlang des Weges Lautsprecher im kniehohen Gras versteckt,
damit die Solisten jederzeit synchron zum Orchester singen konnten.
Die gesamte Technik wurde in der Originalkulisse versteckt
Selbst der große Chor stand nicht statisch, sondern bewegte sich entsprechend
der Bühnenhandlung. Hier galt es, einen Chorklang aus den einzeln abgenommenen
Chorstimmen zu mischen. Insgesamt war es eine sehr komplexe Mischaufgabe,
da aus vielen Einzelsignalen ein Gesamtklang erzeugt werden sollte, der auf
höchstem Qualitätsniveau verfärbungsfrei und bildgerecht die
Situation wiedergibt. Gewissermaßen ruhender Pol in diesem ständig
wechselnden Szenario war das Orchester. Maestro Mehta verstand es meisterhaft,
die Außenspielorte (per Kopfhörer) mit dem Orchester in Einklang
zu bringen – kompromisslos im Qualitätsanspruch, aber kooperativ
in der ungewöhnlichen Art der Zusammenarbeit. Der Orchester-Spielort
war somit gewissermaßen der Wordclock der Veranstaltung – zumindest,
was den musikalischen Teil anbetrifft. Mit Hilfe eines der CANTUS-Mischpulte
der RAI, die sich schon mehrmals bei der jährlichen Übertragung
des San-Remo-Schlagerfestivals bewährt hatten, wurde der Orchesterton
gemischt und aufgezeichnet. Gleichzeitig versorgte das CANTUS die Außenspielorte
mit der Zuspielung des Orchestertons. Über NEXUS erfolgte die Weiterleitung
des Originalprogramms zum Ü-Wagen, der den Sendeton mischte.
Bis Mitternacht
Der Tenor José Cura alias Alfred (2.v.l) beim
Studieren der Rezessionen vom Vortag
Zu dem extrem hohen technischen Aufwand kam auch ein immens hoher personeller
Aufwand. Etwa 300 Personen waren in der Endphase drei Monate lang beteiligt.
Zuerst wurde der gesamte technische Aufbau in Rom in Fernsehstudios getestet.
Hier fanden auch die ersten künstlerischen Einrichtungen und Proben statt.
Nach diesem Probebetrieb wurde das ganze Material wieder abgebaut und nach
Paris geschickt. Nach erneutem Aufbau Anfang Mai folgten einmonatige Endproben,
die Voraufzeichnung und schließlich die erfolgreiche Live-Sendung.
Bei manchen Opernanhängern war dieses Konzept der Opernaufführung
anfangs durchaus umstritten, verbindet es doch eine Opern-Liveübertragung
mit Fernseh-Elementen sowie der Perfektion eines Kinofilms. Doch was herauskam
war eine brillante Veranstaltung, die so perfekt war, dass viele Kritiker
zunächst an einen Playback-Betrug glaubten!
Dank der gründlichen Vorbereitung klappte auch das Timing vorbildlich.
Als schließlich die tragische Heldin am Sonntag um Mitternacht an Schwindsucht
starb, schlugen die Glocken von Notre Dame zwölf, natürlich live übertragen.
La Traviata: Eine kurze Zusammenfassung
1.Akt: Auf einem Fest in ihrem Palais in Paris
lernt die gesundheitlich angeschlagene, begehrte Violetta Valéry, Freundin
des Barons Douphol, ihren heimlichen Verehrer Alfred Germot kennen, der ihr seine
Liebe gesteht. Beeindruckt und zum ersten Mal in ihrem Leben ebenfalls verliebt,
schenkt Sie ihm eine Kamelie und verspricht ihm, ihn wieder zu treffen, wenn die
Blume verwelkt ist.
2. Akt, erste Szene: Die beiden sind diskret
in eine Villa in Versailles außerhalb von Paris gezogen und leben dort in Abgeschiedenheit.
Während Alfred eines Tages nach Paris muss, erhält Violetta Besuch
von seinem Vater, der sie drängt, die nicht standesgemäße
Beziehung zu Alfred aufzulösen. Violetta verteidigt zunächst vehement
ihre Liebe, willigt aber später unter starkem Druck des alten Germot
ein, sich zurückzuziehen und reist nach Paris ab.
Zweite Szene: Violetta trifft an der Seite
des Barons Douphol auf einem Fest in Paris ein, bei dem Alfred auf sie wartet. Es
kommt zu diversen Missverständnissen zwischen den beiden und schließlich
zu einem Eklat.
3. Akt: Die Aufregung hat Violetta gesundheitlich
endgültig
aus der Bahn geworfen; sie ist dem Tode nahe. Alfred wurde inzwischen von
seinem reuigen Vater über die wahren Zusammenhänge von Violettas
plötzlichen Rückzug aufgeklärt. Sie erwartet ungeduldig seinen
Besuch und hofft noch auf eine gemeinsame Zukunft. Doch als Alfred in ihrem
kleinen Zimmerchen an der Seine ankommt, kann sie ihm nur noch ihre Liebe
beteuern. Kurz darauf, um genau 24:00 Uhr, stirbt Violetta.
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